Karel Magušin ist bei Automotive Painting Partners als Manager für Geschäftsentwicklung für Mittel- und Osteuropa tätig. Im Interview spricht er offen darüber, wie sich die Anforderungen von OEM- und Tier-Lieferanten ändern, wie APP auf den Druck der billigeren Konkurrenz aus dem Osten reagiert, warum Messen in Zeiten der Digitalisierung nach wie vor unverzichtbar sind – und wohin sich das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren entwickeln wird.
Bei Automotive Painting Partners sind Sie als Manager für Geschäftsentwicklung tätig. Was sind Ihre Hauptaufgaben?
Vereinfacht gesagt – meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass unsere Werke etwas zu produzieren haben. Das bedeutet Kommunikation mit bestehenden Kunden, Auswertung von Anfragen, Vorbereitung und Bearbeitung von Angeboten. Außerdem suche ich aktiv nach neuen Geschäftsgelegenheiten. Da APP Teil der Colegium Holding ist, vertrete ich bei Verhandlungen auch andere Unternehmen der Gruppe. Unser Portfolio ist breit gefächert und wir bieten umfassende Dienstleistungen an, was nicht nur für Kunden, sondern auch für die beteiligten Unternehmen ein großer Vorteil ist.
Automotive Painting Partners ist einer der wichtigsten Anbieter der kathodischen Tauchlackierung (KTL) in Mitteleuropa. Wie würden Sie die aktuellen Außenhandelsbeziehungen von APP innerhalb Europas beschreiben?
Unsere Priorität ist es, die Bedürfnisse und Erwartungen unserer Kunden in jeder Hinsicht wirklich zu verstehen. Geschäftsbeziehungen sind immer komplex, insbesondere wenn es um internationale Zusammenarbeit geht. Als Lieferant legen wir daher nicht nur Wert auf professionelle, sondern auch auf persönliche Beziehungen. Aufbau von Vertrauen, offene Kommunikation und langfristige Partnerschaften sind für uns von entscheidender Bedeutung.
APP ist nicht nur ein „KTL-Lieferant”, sondern ein strategischer Partner für die komplette Teilefertigung. Wie nehmen die Kunden im Ausland diese Ihre Rolle wahr?
Sehr positiv. Die meisten Kunden schätzen gerade unsere Komplexität – wir bieten einen kompletten Prozess vom Materialeinkauf über die Oberflächenbehandlung und Montage bis hin zur endgültigen Lieferung an. So werden wir zu einem echten strategischen Partner, der ihre Wettbewerbsfähigkeit fördert.
Es gelingt Ihnen, langfristige Partnerschaften mit weltweit führenden Automobilherstellern aufrechtzuerhalten. Wo sehen Sie die größten Marktchancen im Bereich Oberflächenbehandlung in Mittel- und Osteuropa?
Die Trends in der Automobilindustrie und im Maschinenbau deuten auf ein stabiles Wachstum der Nachfrage nach der kathodischen Tauchlackierung hin. Eine Rolle spielen dabei die Betonung der Ökologie, die hohe Korrosionsbeständigkeit und die Effizienz der KTL- Prozesse. Der Umstieg auf Elektro- und Hybridfahrzeuge erhöht die Anforderungen an den Korrosionsschutz – insbesondere bei Batteriegehäusen, Fahrgestellen und Bauteilen. Bis 2030 wird erwartet, dass Elektroautos bis zu 40–50 % der Produktion in der Tschechischen Republik ausmachen werden, was direkt zu einer Steigerung des Volumens an KTL-Aufträgen führt.

Welche Trends beobachten Sie bei der Nachfrage von OEM- und Tier-Lieferanten?
Bei Oberflächenbehandlungen sind die technischen Anforderungen in der Regel durch die Korrosionsbeständigkeit klar vorgegeben. Ich sehe eher Unterschiede in den Erwartungen der OEM- und Tier-Lieferanten – alle drängen auf Elektrifizierung, Nachhaltigkeit, Kosteneffizienz und Innovationen. Gleichzeitig sehen sie sich mit einem langsameren Wachstum bei Elektrofahrzeugen, geopolitischen Risiken und Druck auf die Lieferkette konfrontiert. OEMs wollen neue Technologien zu niedrigeren Preisen und erwarten von ihren Lieferanten eine Kostenoptimierung bei gleichbleibend hoher Qualität. Die Lieferanten reagieren strategisch – sie optimieren ihr Portfolio und bauen langfristige Kooperationen auf, um flexibel auf die immer anspruchsvolleren Anforderungen des Marktes reagieren zu können.
Wie nehmen Sie die Position tschechischer Anbieter von Maschinenbauleistungen und Oberflächenbehandlungen in Deutschland wahr? Begegnen Sie Vorurteilen hinsichtlich der Qualität?
Die tschechische Maschinenbauproduktion gilt heute in Deutschland als standardmäßig und zuverlässig – insbesondere dank der langjährigen Zusammenarbeit im Automobil- und Maschinenbausektor. Die Vorurteile hinsichtlich der Qualität haben deutlich abgenommen, der Schwerpunkt liegt eher auf der Einhaltung von Terminen, Zertifizierungen wie ISO und IATF sowie der Transparenz der Prozesse als auf der Herkunft der Produktion.
Deutsche Unternehmen betrachten zwar tschechische Lieferanten nach wie vor als kosteneffizient, erwarten jedoch gleichzeitig eindeutig ein höheres Maß an Innovationen, Automatisierung und technologischer Reife. Das Modell der „billigen Produktionswerkstatt“ verliert zunehmend an Bedeutung – OEM- und Tier-Lieferanten suchen heute nach Partnern mit höherer Wertschöpfung,, Flexibilität und der Fähigkeit, flexibel auf neue technologische Trends zu reagieren.
Stellen KTL-Lieferanten aus dem Osten, die oft mit deutlich niedrigeren Preisen konkurrieren, eine Bedrohung für tschechische Unternehmen dar?
Ja, die Preiskonkurrenz aus dem Osten ist eine Bedrohung. Lieferanten aus Polen, Rumänien oder der Ukraine bieten oft Preise an, die um 20 bis 40 % unter denen tschechischer Unternehmen liegen, was für OEM- und Tier- Lieferanten, die unter Kostendruck stehen, natürlich attraktiv ist. Der niedrige Preis ist der wichtigste Wettbewerbsvorteil – jedoch oft auf Kosten der Servicequalität, Liefergeschwindigkeit oder Flexibilität.
Und ist dieser Preisdruck durch östliche Unternehmen auch für APP bedrohlich?
Zum Glück nicht – aber das Glück steht auf der Seite jener, die vorbereitet sind. Für uns stellt dies keine wesentliche Gefahr dar, da wir starke Argumente vorweisen können – Qualität, ein umfassendes Dienstleistungsangebot, Zertifizierungen, Flexibilität und geografische Nähe. Bei uns erhält der Kunde alle Dienstleistungen „aus einer Hand“. Dank digitalisierten Prozessen, dem Fokus auf Nachhaltigkeit und der Fähigkeit, auch ungewöhnliche Anforderungen zu lösen, sind wir in der Lage, ein hohes Maß an Sicherheit und technischer Unterstützung zu bieten.
Die starke Position von APP wird zudem durch den langjährigen guten Ruf und die Fähigkeit unterstützt, KTL mit anderen Produktionsverfahren wie Pressen, Schweißen oder Montage zu verbinden. Die strategische Lage unserer Werke in der Tschechischen Republik ermöglicht schnelle Reaktionszeiten und stabile Lieferungen, was in der Automobilindustrie von entscheidender Bedeutung ist. Im Gegensatz dazu sehen sich östliche Lieferanten häufig mit längeren Lieferzeiten und einem höheren Risiko logistischer Komplikationen konfrontiert – und das ist in der Just-in-time-Umgebung der Automobilindustrie ein erheblicher Nachteil.
Sind internationale Messen Ihrer Meinung nach in Zeiten der Online-Kommunikation und Digitalisierung noch genauso wichtig wie früher?
Eindeutig ja. Persönliche Treffen bleiben für langfristige Beziehungen nach wie vor entscheidend. Messen bieten die Möglichkeit, Technologien live zu sehen, technische Details zu diskutieren und komplizierte Projekte zu besprechen. Hier treffen sich nicht nur Einkäufer, sondern auch Techniker, Projektmanager und Führungskräfte von Unternehmen – was Spielraum für strategische Partnerschaften und den Gewinn neuer Kunden eröffnet. Die Digitalisierung hat Messen nicht ersetzt – ganz im Gegenteil. Sie sind nach wie vor der ideale Ort für die Einführung neuer Technologien, Anlagen und Prozesse. Bei komplexen Lösungen wie Oberflächenbehandlungen oder Automatisierungen hat eine direkte Demonstration eine viel stärkere Wirkung.
APP hat eine starke Position in der Automobilindustrie. Sehen Sie auch in anderen Branchen Potenzial für KTL und Schweißen?
Auf jeden Fall. KTL kann überall dort eingesetzt werden, wo Materialien anspruchsvollen klimatischen Bedingungen widerstehen müssen und deren Alterung verlangsamt werden soll. Das Schweißen findet dann Anwendung bei Serienbauteilen und in der Automatisierung.
Das größte Potenzial sehe ich in folgenden Branchen: Bauwesen und Infrastruktur, Landwirtschafts- und Bautechnik, Energiewirtschaft und erneuerbare Energien, Luft- und Raumfahrt sowie Schienenverkehr und Verbrauchsgüterindustrie.
Sind Investitionen in fortschrittliche Automatisierung und Digitalisierung heute eine Notwendigkeit oder ein Bonus?
Investitionen in KI, IIoT, Robotik und innovative Technologien sind heute kein Bonus mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Wir sehen es direkt in der Praxis. Die Automatisierung und Robotisierung unserer Schweißlinien sorgt für geringere Kosten pro Produktionseinheit, höhere Präzision, Wiederholbarkeit und schnellere Reaktionszeiten auf Veränderungen bei der Nachfrage. Ohne diese Investitionen würden wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verlieren und nicht mehr in der Lage sein, den steigenden Anforderungen unserer Kunden gerecht zu werden.
Wie sehen Sie die aktuelle Rolle der Umweltverantwortung bei Geschäftsverhandlungen?
ESG Compliance wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil von Geschäftsstrategien. Bei strategischen Projekten sind ein ökologisch verantwortungsbewusster Ansatz und ein geringer Energieverbrauch oft Teil der Bewertungskriterien, manchmal mit einer Wichtigkeit von 20 bis 30 %. Ich gehe davon aus, dass ein Mangel an ESG innerhalb von drei bis fünf Jahren zum Verlust des Zugangs zu großen OEM-Aufträgen führen wird. Es handelt sich nicht mehr um eine formale Verpflichtung, sondern um einen realen Faktor bei der Auswahl der Geschäftspartner.
Wie sieht die Vision von APP für die nächsten fünf Jahre aus? Denken Sie auch über eine Expansion außerhalb Europas nach?
Die Vision von APP sollte vor allem technologische Trends, Kundenanforderungen und globale Marktdynamiken widerspiegeln, wobei der Schwerpunkt auf Automatisierung und Digitalisierung liegt. Selbstverständlich werden wir auch weiterhin umfassende Dienstleistungen anbieten.
APP und die gesamte Colegium Holding haben das Potenzial, technologischer Marktführer in den Bereichen umweltfreundliche und digitalisierte Oberflächenbehandlung, Schweißen, Prüfung, Tensometrie und anderen Branchen zu werden und gleichzeitig außerhalb der Automobilindustrie zu diversifizieren und nach und nach auf globale Märkte zu expandieren. Die Expansion außerhalb Europas ist nicht einfach, aber hier können Joint Ventures mit lokalen Partnern oder der Export von Know-how und Technologien der Weg sein. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.
Vielen Dank für das Interview.



